Kategorie: Stammhaus

#15 . Das Dach überm Kopf.

Die Nebel sind verschwunden. Die allermeisten zumindest. Wir sitzen also da und betrachten ein Gebäude, das wir von ganz unten, von der Erdkellererde, bis ganz hinauf zu den alten Sparren der Dachkonstruktion durchleuchtet und kennengelernt haben. Wir sind in jeden Zwischenraum eingedrungen und haben jegliche Überraschung, die uns angelächelt hat, zum Anlass genommen, unsere ursprünglichen Pläne zu überdenken. Es galt und gilt die eine Zeile; die Grundlage unserer Arbeit an dieser uralten Substanz: „Das Haus gibt uns vor, was zu tun ist.“ Es gibt eine Bewegung mit Rückstoß; eine wellenartige Ausbreitung des Denkens, das wir für den Aufbau vom Haus Nr. 24 verwenden; eigentlich ein Puls, der sich durch die alten und neuen Balken treibt und alles am Leben erhält: Die Bewegung, die dem Projekt Hägi Wendls erlaubt, sich auszubreiten, damit wir ein Fläche von Möglichkeiten und Entscheidungen betrachen können, die uns laufend daran erinnert, wem und wessen wir gerecht werden müssen. 

Ein halbes Jahr liegt hinter uns. Ein bisschen mehr vielleicht. Wir haben jetzt ein Dach überm Dach. Einen neuen Dachstuhl über den alten Sparren. Und: Wir haben einen First. Das ist neu. Deshalb war die Feier dazu umso fröhlicher! So viele Menschen haben bisher an den Möglichkeiten und Visionen, die hinter diesem Projekt stehen, mitgearbeitet. Sie haben ihre Zeit verschenkt und ihre Gedanken hergegeben: Aus Umsonstigkeit und Idealismus. Aus Freude am Tun und Lassen. Vier von diesen Menschen haben uns seit dem Beginn dieses verrückten Jahres besonders viel Geschenke gemacht: Danke Annuk, Ela, Moni und Aron für euer Dasein, eure Gegenwart, die Sonne und den Sommer in euch und dafür, dass ihr diesem Haus nicht nur ein Verständnis, sondern einen zusätzliche Idee übermittelt  habt. Auch wenn wir das in echt (eigentlich) nicht dürfen: Wir umarmen euch.

#12 . Die Stille von Abschied und Verbundenheit.

Zwischen Rückblick und Ausblick hat nicht einmal ein aufgestelltes Pauspapier Platz. Genau dieser Abstand aber ist es, den wir einzig greifen können. Deshalb können wir die Schönheit der gemeinsamen Momente auch nicht zählen. Sie sind nämlich etwas ständig Gegenwärtiges und nicht einfach so in Fragmente zu zerlegen. Auf jeden Fall haben wir uns auf dieser Pauspapiertiefe getroffen und werden da auch noch bleiben, bis auf weiteres oder einfach für immer. Denn wenn man sich trifft und sich berührt, in diesem steten Jetzt, dann verweben sich die Seelen und brauchen plötzlich keine eigene Gewandung mehr. Alles fließt ineinander und aus diesem Ineinander: Daraus entsteht Freundschaft, Verliebtsein und Liebe. Und es entsteht eine gemeinsame Geschichte, eine Gegenwart, die sich über die Seelen hinaus ausdehnt. Immer wieder.

An dieser Geschichte bauen wir mit der unmittelbaren Familie, mit den Handwerker*innen und Freund*innen seit gar nicht allzu langer Zeit. Und natürlich mit zehn Studierenden, die am 1. Oktober 2020 ihr Ferienhaus, drübern am Hügel, aufgeschlagen haben und seither mit Sack und Pack, mit Fahrrad und Bassbox, kilometerweise Bergstraßen sammeln (man sagt sich: „Ein ganzer Everest schon.“), um bei Hägi Wendls Gehöft Baupraxis für das Architekturstudium zu sammeln. Die erste Episode unserer gemeinsamen Zeit geht gerade zu Ende. Das bedeutet, dass wir einen Knick in die Buchseite machen, um es vorerst beiseite zu legen. Es sind die wortlosen Blicke, das stille Lächeln, das aneinander vorbei gehen, immer wieder, und die Möglichkeit aus vielen Wahrnehmungen eine zu machen. Es ist das Verstehen ohne Erklärung und das Erkennen ohne Definition, die einer gemeinsamen Zeit die Minuten entwenden und sie dann stehen lässt: Zeitlos. Wir sind an dieser Stelle unendlich dankbar, dass Lena, Julia, Jamie, Dani, Moni, Annika, Franzi, Flora, Yuti und Max über den Lehrgang BASEhabitat der Uni Linz drei Monate in Zwischenwasser verbracht haben und dieses Vorhaben auch zu dem ihren gemacht haben. Ein großartiges Danke auch an Martin, Dominik und Hanno. Danke. Danke. Danke. Die Geschichte geht weiter.

#8 . Das sakrale Licht und der unsichtbare Beton.

In der Natur der Sache liegt das Ungewisse versteckt. Es gibt Dinge die einfach auftauchen und es gibt Dinge, die einfach nicht da sind. Mit beiden Phänomenen lernen wir ständig umzugehen: Wenn wir graben und rechen, wenn wir entfernen und verstauen oder wenn wir entdecken, um dann zu überlegen, wie wir damit umgehen. Ein altes Haus ist ein altes Haus. Außerdem ist es ein Gefäß voller erzählter und verschwiegener Geschichten, es ist ein unnahbares Objekt, das gleichzeitg tiefgründige Beheimatung gibt. Ein altes Haus also, in dem wir gerade die Schichten der Jahrhunderte schälen, um zu entdecken, was eben dieses Haus uns sagen will. So werden wir zu Schriftführern und Geschichtenerzählern. Wir sind Archäologen und Fundamentalisten, sind Bewahrer einer alten Seele und Erneuerer der statischen Grundlagen.

Es gilt gerade, mehr denn je, mit der Historie vom Haus Nr. 24 wohlwollend umzugehen, während wir die Notwendigkeiten nicht außer acht lassen dürfen, die dazu beitragen, dass dieses Haus für viele weitere Erzählungen stehen bleiben kann. Von Grund auf entlasten wir die Altsubstanz des Gebäudes und geben ihm einen neuen Unterbau, damit es wieder atmen kann. Rundum konnten wir die uralten Schwellbalken erhalten und sie durch schrittweises Untergraben vor weiterer Mauerfeuchte schützen. Durch die Auseinandersetzung mit der Substanz haben wir gelernt, mit unseren Händen zu verstehen. Die verschiedenen Lebensabschnitte früherer Bewohner und die Generationen und Familien, die hier gelebt haben; allesamt haben sie bauliche Spuren hinterlassen. Mal ein Schnellschuss, mal durchdachte Kleinigkeiten. Wir sind zu Forschern geworden, obwohl wir zum Bauen hergekommen sind. Und dann haben wir bemerkt: Es gehört alles zum Errichten eines Zuhauses dazu: Forschen, verstehen, betonieren, beleuchten und manchmal stillstehen, damit man die Idee des Hauses spüren kann, um sie in den heutigen Tag zu übersetzen.

#4 . Die Bereitung des Weges.

Jede tiefgreifende Auseinandersetzung beginnt mit ein bisschen Stille, mit einer Beschäftigung nach innen. Deshalb kommt uns die Hausaufgabe, die uns die Uni Linz gibt, gerade recht: Ein grober Umriss der Materie, unsere Ideen und Fundamente, die Visionen und Illusionen, die uns begleiten, seit die Sache mit Hägi Wendls in Bewegung gekommen ist. Wir hocken uns also hin und recherchieren und schreiben und gestalten und galoppieren durch die vergangenen 200 Jahre, bis wir fast taumeln. Und ganz plötzlich atmen wir durch und vor uns liegt eine fertige Broschüre voller Inputs und Details, mit all den Menschen, die uns bisher begleitet haben und den Ausblicken, die uns das Haus Nr. 24 vorgibt.

Diese Broschüre fungiert fortan als Wegbegleiter*in und Dokument. Sie wird ständig erweitert und erneuert. Hier geht es zur Einsicht in die aktuellste Version.

#3 . Der Lauf der Dinge.

Immer ergibt das Eine das Andere und das Nächste und Übernächste auch. Unumgänglich wird man Passagier*in im eigenen Big-Easy-Express. Was bleibt da übrig, außer ein großes Zurücklehnen und Schauen nach vorn und zurück, zur Seite und in die Ecken, damit man nichts Wesentliches überbewertet oder einem das Unwesentliche entgleitet. Wir sitzen nun also in diesem Express und tingeln durch die Geschichte. Es ist ein Schmunzeln und Bangen, ein Aufarbeiten und Umschaufeln, ein rückwärtiges Entdecken, Aufdecken und Bemerken. Um uns liegen über 200 Jahre Geschichte der Familien Längle, Schnetzer und Keckeis. Dazu kommen punktuelle Hereinnahmen aus dem Hause Lampert, Naphegyi und Schatzmann. Da kann einem schonmal auf historische Weise schwindlig werden.

Ein Geschichtsexpress ist es also, aus dem wir uns die vorbeiziehende Landschaft anschauen. Das Schöne daran: Wir nehmen die Eindrücke mit, die wir beim Aufräumen von Heu- und Dachboden gefunden haben, behalten ein bisschen was von den Dingen, die wir abgestaubt und heiß ausgewaschen haben. Sie bekommen einen neuen Platz im Haus Nr. 24, irgendwann. Andere Dinge übergeben wir den Containern, die inzwischen draußen vor dem Haus stehen. Es hat alles seine Zeit.